13.08.2016 – Parkfest, Berlin-Friedrichshain

Sonntag Nachmittag – Lust auf etwas zu Lesen, so wie in dem Lied „Lesing on a Sunday afternoon“ von Queen? Da haben wir über Freddy Mercury nämlich schon den Bogen geschlagen – es folgt der Tatsachenbericht vom „Lesbischwulen Parkfest“ in Berlin-Friedrichshain, gespickt mit Randgruppenwitzen (nicht von uns) und kulinarischen Höhepunkten. Es sei.

Was waren wir gespannt, denn eine Band wie uns auf eins der größten queeren Feste Berlins zu buchen, mutet schon etwas merkwürdig an. Haben sich die Veranstalter vertan, immerhin war das weitere Programm im Gegensatz zu uns kunterbunt und perückenbesetzt? Lieber nochmal nachgefragt, aber es sollte wohl genau so sein.

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(Foto: Denny Lüdicke)

 

Schon vor High Noon kommen wir an – Freilichtbühne Friedrichshain, ein Riesending mit Kurkonzert-Atmosphäre, eine klassische Parkbühne eben. Alles unauffällig, nur hier und da sind ein paar Bierbänke mit rosa Plüsch bespannt. Erstmal können wir nur zuschauen, wie „Die Kusinen“ – Hauptattraktion des Festes und ihreszeichens eine Damenkapelle, die sich des quietschbunten Schlagercovers verschrieben hat – genüsslich die Instrumente installiert. Ein Bierchen später machen wir Soundcheck und haben anschließend viel Freizeit. Noch ist nicht viel los und wir demmeln bei bestem Wetter gemütlich durch den Volkspark Friedrichshain und auf die angrenzenden Straßen, auf der Suche nach einem Mittagsmahl. Unfündig besteigen wir die Straßenbahn und machen etwas touristisch anerkanntes: Pfeifen uns eine Currywurst bei Konnopke rein – jenem legendären Imbiss, der als erster in der DDR Currywurst verhökerte. Das Verblüffende an diesem durch und durch effizient gestalteten Prenzlberg-Hotspot: Die Bestellung steht schon da, bevor man sie komplett ausgesprochen hat. Liebevoll geht anders, aber das nennt man dann wohl Berliner Charme. Die Wurst war übrigens keine Haute Cuisine – weil die Würste ohne Haut waren, mein ich. Ich steh ja drauf.

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(Foto: Denny Lüdicke)

Als wir dann halbsatt zurückkehrten, war auf einmal mächtig was los. Ein großer Teil der erwarteten 6000 Leute war schon vor Ort. Ein Anflug von Muffensausen schlich sich ein – womöglich waren hier heut mehr Leute, als bei unseren anderen Konzerten zusammen. Georg nahm erstmal ein Bier aus dem Backstagekühlschrank, irgendwie hat er es geschafft, ein Jever zu ergattern. Ich weiß nicht genau, wie das war, aber die anderen haben wohl erfahren, dass das Jever „für einen besonderen Gast“ sei, was Georg wiederum nicht wusste. Der Gast kann ja nur Ex-Oberbürgermeister Klaus Wowereit sein, der die Sause hier eröffnete. Naja, Georg dachte sich: „Ich hab ein Jever und das ist auch gut so“ und Wowi hat womöglich mit einem Berliner Pilsener vorlieb nehmen müssen. Vielleicht war’s auch gar nicht für ihn.

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(Foto: Denny Lüdicke)

Dann näherte sich auch schon unsere Spielzeit. Man muss sich das ganze Fest mal metaphorisch vorstellen: Angenommen, es gibt in der Hauptstadt ein Mal im Jahr eine Veranstaltung kulinarischer Kenner, bei der es immer ein ganz spezielles Hauptgericht gibt, auf das alle sehnsüchtig warten, also z.B. Beauf Marianne á la Rosenberg mit schwarzbrauner Haselnussmarinade an Frankfurter-Kranz-Schaum und Griechischer-Wein-Jus oder so, was man in Berlin eben so fancy findet. Der Chefkoch weicht seit Jahren nicht von diesem Gericht ab, hat aber die Möglichkeit, bei der Vorspeise die Fantasie spielen zu lassen und tobt sich da mit Gängen aus, die vielleicht auch völlig unpassend scheinen. Also z.B. Bullgine (sprich: Büll-schien, ähnlich der marokkanischen Tajine) vom Potsdamer Landschwein oder so. Die Gäste des Festes goutieren das, aber im Grunde interessiert sie vielmehr die gepflegte Unterhaltung unter Gleichgesinnten und der Hauptgang, auf den sie sich mit einem Eifer stürzen wie wir Klischee-Ossis auf ne Staude Bananen (das ist etwas vorgegriffen, zum Thema Ossis kommen wir noch kurz). Der Hauptgang wären dann eben die Kusinen (wahrscheinlich haben sie sich deshalb so genannt, wegen Haute Cuisine und so, diesmal mit Haut) und die Brandenburger Schweinepfanne sind wir.

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(Foto: Denny Lüdicke)

Es waren also unwahrscheinlich viele Menschen da, aber so richtig Notiz nehmen wollten von uns nur Wenige, zumindest so, dass man es auch bemerkt. Wir hatten aber eine illustre Tanzfraktion: Ein ältere Dame, die unermüdlich und mit großem Körpereinsatz Freistil-Gymnastik vollführte. Ich weiß nicht, vielleicht macht sie das auch einfach jeden Tag zur selben Zeit an der selben Stelle und ließ sich von uns einfach nicht stören. Dazu gab es einen Elektrorollstuhl, eine Art Iggy Pop im sommerlichen Abendkleid und einen jungen Herrn, der offenbar dem Bierwagen schon ein paar Besuche abstattete und entsprechende glasäugige Ausgelassenheit zeigte. In den hinteren Rängen gab es auch noch ein paar wohlwollend nickende Köpfe und zuckende Körper.

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(Foto: Denny Lüdicke)

Angekündigt und abmoderiert wurden wir von einer fachkundigen Moderatorin namens Marie Mondieu, die uns mit allerlei Randgruppenwitzen bedachte: Die sind alle Hetero, also Randgruppe, noch dazu Ossis, also nochmal Randgruppe im Quadrat. Und die Musik war auch ganz schön Hetero, so die Schlussfeststellung. Leider hat Madame Mondieu unser Konzertende verpasst, sie hatte eigentlich noch dies und jenes für ein Interview in Petto, angeblich war auch das Wort „blasen“ (weiß nicht, ob groß oder klein geschrieben) geplant. Schade, hätte interessant werden können.

Die Veranstalter waren jedenfalls zufrieden und entgegen unseren erstaunten Erwartungen war es genau die Musik, die sie auch wollten. Na dann ist ja alles prima. Wir konnten uns also zufrieden davontrollen. Bis zum nächsten Mal!

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(Foto: Denny Lüdicke)