Interlude: Ein paar Gedanken zum Proberaumwechsel

Ein völlig zu Unrecht erfolgreicher Gesangsabsonderer sang einmal irgendwas mit „Wunder, so wie ein Wunder“ oder Worte ähnlichen Effektes. Es ist zwar traurig, dass einem gerade der Quark zuerst in den Sinn kommt, ein kleines Wunder ist es trotzdem: Nach der Kündigung unseres und dutzender anderer Probe- und Künstlerräume in Potsdams alter Brauerei haben wir auf den letzten Drücker einen neuen Proberaum unter ähnlich guten Bedingungen gefunden. Was unmöglich schien wurde war – so wie ein Wunder. Der schale Geschmack einen toten Maus im Mund bleibt allerdings, denn die Problematik der Verdrängung ehrenamtlicher Kultur bleibt im Hochglanz-Potsdam bestehen – siehe der Absage der Féte de la Musique in diesem Jahr. Aber zum Glück entwickelt sich momentan dafür ein Bewusstsein in der Stadt, hoffentlich nachhaltig.
Einen etwas schalen Geschmack hinterließ auch die große Abschlussfeier am 26. April in der Brauerei. Nicht weil es nicht schön war, ganz im Gegenteil. Das Fest war großartig und enorm gut besucht. Vor allem hat man hier vor Augen geführt bekommen, was der Standort dauerhaft für ein enormes Potential hätte entfalten können. Zukünftig entfalten sich dort nur noch Champagnerdüfte oder was man eben in Luxuswohnungen so hat. Leider war die Abrisssause ein einmaliger Moment, verflüchtigt wie Flatulenz im Wind. Diese verschenkte Chance eines großen Kulturstandorts macht schon etwas von dem schalen Geschmack aus. Im Hof war Session und Konzert mit einer Atmosphäre wie man sie mitten in der Stadt kaum für möglich hielt. Oben war Elektrodisko, wo sich in rauen Mengen teils eine ganz andere Klientel versammelte. Wieder ein Zeugnis für den traurigen Verlust großen Potentials, denn solche Vielfalt findet man selten so friedlich vereint.
Etwas schal wurde das persönlich dadurch, dass man sich fremd im eigenen Haus fühlte. Unser Proberaum, wo wir uns einst zusammenfanden und die Band aufbauten und bis vor kurzem noch komponierten, aufnahmen, meckerten und schwitzen, war auf einmal eine Chillout-Lounge voller lungernder Teenies mit hippen Frisuren und unser Pausenraum gegenüber auf einmal ein Tanzparkett, als wäre dort nie etwas anderes gewesen. Das ist natürlich fantastisch, aber auch befremdlich, wenn man quasi derjenige ist, der noch vier Tage Miete zahlt. Und wenn man bedenkt, was man hier für fantastische Konzerte hätte geben können. Denn: Auf der Straße war kein Mucks zu hören, obwohl ein paar hundert Leute hier rumstromerten.
Der Abend war auch durchs eine Einmaligkeit besonders. Wollen wir hoffen, dass der gesäte Wind zum Sturm wird (um mal eine kitschige und in den 90ern gern verwandte Metapher zu verwenden) und sich nachhaltig etwas in der Potsdamer Kulturlandschaft bewegt.
Wir jedenfalls ziehen jetzt frohen Mutes in unser neues Quartier, schreiben Songs, was das Zeug hält und hoffen, die bald mal wieder vorspielen zu können.

Otto, April 2014.

P.S.: Weil ich es mir nicht verkneifen kann, hier noch einen kleinen Abgesang auf die Brauerei. Echte Pöten, ääh Poeten mögen mir ob der simplen Struktur verzeihen, aber es reimt sich doch so schön:

Threnodie für die alte Brauerei

Oh du stolzes Brauhaus dort
in dem kleinen Preußen-Ort.
Schön war die Zeit, die in dir währte,
als man Sanierung nicht begehrte.
Musik erklang von früh bis spät,
Kehlkopf, Metal, Pop – Querbeet.
Musik statt Maische,
heiße Klänge statt Hopfen,
mal urstes Gekreische,
mal rhythmisches Klopfen.

Doch es war klar – die Haie nahn
und legen Lärm und Leute lahm.
Bald gibt es weder Moll noch Dur,
dann leben hier die Schnösel nur,
die mit Austern und Champagn‘
stoßen auf den Hochglanz an.
Die, die über Talmiglanz frohlocken
und um Immobilien zocken.
Naja, vielleicht wird es nicht ganz sooo schlimm,
doch die Kultur ist hier dahin.

Doch ganz entfernt am Firmament
nen Hoffnungsschimmer man erkennt,
In einem Häuschen jotwehdeh
geht’s weiter nun, jucheh, jucheh.