21.06.2015 – Potsdam, Fête de la Musique

Greta Garbo nimmt ihren Hut

Na zum Glück war kein Gulli in der Nähe. Als wir gerade im 2. oder 3. Song waren schlich sich eine verdutzte Dame mit Rollator frontal an der Bühne vorbei und schüttelte ohrenfletschend und verständnislos das weißgedeckte Haupt. Potsdam hat ja vor wenigen Tagen traurige Berühmtheit erlangt, weil eine andere Dame mit dem gleichen Gefährt in einen Gulli plumpste und dabei verschied. Deshalb war mir einen Moment lang Bange, im Angesicht der Lady vor der Bühne. Aber sie glitt unbeschadet vorüber. Puh.

So könnte ein Sänger geschaut haben, wenn er sich um ältere Damen sorgen machte
So könnte ein Sänger geschaut haben, wenn er sich um ältere Damen sorgen machte

Ansonsten gab es keinen Grund bange zu werden, denn unser Ufftritt war ein Erfolg muy grande. Ausnahmsweise machte sich die frühe Spielzeit bezahlt und es war reichlich Publikum vor Ort, aus mindestens 4 Generationen – davon reichlich Familie, denn auch unsere Nachwüchse (ist das die reguläre Mehrzahl von Nachwuchs? Klingt so doof…) nutzen die Gunst der frühen Spielstunde, um den hochverehrten Vatis zu lauschen. Vor dem Soundcheck dachte ich noch: Naja, wolln sehen, ob ein paar Leute kommen. Aber als wir dann die ersten Testklänge durch die Strippen jagten, kamen die Leute wie die Mücken zum Schweißfuß. Hab mir sagen lassen, dass man das bis runter auf den Boulevard gehört hat. Da dort vorwiegend akustische Liedermachermusik geboten wurde, hatte unser Sound offenbar seine Wirkung. Und das schöne war: Auch am Rande auf der Straße blieben sehr viele zufällig vorbeistromernde Leute stehen, ein Großteil bis zum Schluss. Kann es ja so schlecht nicht gewesen sein.

The Great Gabor lässt sein Sonntagslächeln erstrahlen
The Great Gabor lässt sein Sonntagnachmittagsausgehlächeln erstrahlen

Und es wurde ja auch was geboten: Greta Garbo persönlich (naja gut, es war The Great Gabor) schnallte sich den Schappoklack (zu Deutsch: Chapeau Claque respektive Klappzylinder) auf das lockenverzierte Haupt und sagte uns auf seine unnachahmliche Art an, dass es eine reine Freude war (wir erinnern uns, dass wir das Vergnügen schon einmal hatten, nur ohne Hut und Propeller). Abgesehen von mystischen, unerklärlichen Kabelaussetzern und ein paar spielerischen Extravaganzen haben wir ein solides Brett hingelegt, wie man so schön sagt.

Während 4 Mann plangemäß "Land Ho" zocken, kraucht diser Herr lieber auf dem Boden herum, weil der Fehlerteufel verstecken spielt
Während vier Mann plangemäß „Land Ho“ zocken, kraucht dieser Herr lieber auf dem Boden herum, weil der Fehlerteufel verstecken spielt

Die Fete de la Musique war auch im Gesamten dies Jahr offenbar ein voller Erfolg – völlig zu Recht, wenn man an das Debakel von 2014 zurückdenkt, wo aus stadtfinanzpolitischen Gründen die ganze Sache peinlicherweise ausfallen musste. Es gab zwar Alternativveranstaltungen (an einer nahmen wir ja selber Teil), die aber aufgrund irgendwelcher wichtiger Fußballspiele durchweg mies besucht waren. Ganz anders in diesem Jahr, wo wir hier vielleicht sogar unser größtes bisheriges Publikum hatten. Als mediale Konkurrenz gab es ja auch wenn überhaupt den Tatort, was dann allenfalls San Quentin zu spüren bekamen, bei denen zur Prime Time etwas weniger Laufbetrieb war.

Ein runder Sommeranfangstag ging also ins Land. Und auch wenn die Tage jetzt wieder kürzer werden (diese Schockbotschaft darf man einfach nicht verschweigen) wird bei uns fleißig gearbeitet, damit wir euch beim nächsten Mal ordentlich Neuheiten akustischer und physischer Natur auftischen können.