29.11.2014 – Haus der Offiziere, Brandenburg/Havel

Teston Festival

Hat jeder seinen Nachbarn? Sauberes Taschentuch? Na dann kanns ja losgehen, die kleine Klassenexkursion in die Wiege der Euro, äääh Mark – nach Brandenburg/Havel. Wir sind nämlich diesmal per Bahn angereist, exzellenter Anbindung sei Dank. Nur Marcel musste fahren. Einer muss ja.

Das HdO (das steht leider nicht für „Huldigt dem Otto“, sondern für „Haus der Offiziere“. Zum Glück war der Name und 1-2 Türsteher das einzig militärische dort) stellte sich als hervorragender Club heraus. Schöne Bühne, schöner Sound (danke, Sören), gute Mangosäfte im Backstage.

Dann der spannende Moment: Die Auslosung der Spielreihenfolge. Mit Eleganz und Künstlerpech habe ich gezogen – die Nummer 1. Was am Ende eines solchen Wettbewerbs die angestrebte Position ist, ist vorneweg meistens Mist. Für uns war es aber gar nicht so übel, denn auf die Art sind wir als einzige Band in den Genuss eines richtigen Soundchecks gekommen. Und die Startzeit 21 Uhr ist unter den Umständen auch annehmbar.

Also gab es den erwähnten Soundcheck und dann sind wir nach Istanbul gereist. Also Istanbul an der Havel, eine lokale Gastwirtschaft, wo man z.B. gegrilltes Fleisch in orientalischer Brottasche an Salatbouquet und einem Dressing auf Joghurtbasis bekommt. Bei mir wurde es mit letzterem leider etwas übertrieben, so dass alles ordentlich sapschig war.

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Und schon war die Showtime ran. Wir hatten 30 Minuten Spielzeit. Ich glaube, wir haben 3 Minuten überzogen, aber auf die Art wenigstens noch unseren überaus wichtigen Epos „I Am Ahab“ spielen können. Trotz Eröffnungsposition waren die Leute physisch und psychisch anwesend und es war ein super Gig, auch dank des erwähnten 1A-Sounds. Danke an alle Anwesenden. Mehr davon.

Diss-Claimer: Ein paar Worte vorweg zum folgenden Absatz über eine nach uns spielende Hip-Hop-Formation. Ich bin keineswegs ein „Hater“. Aber das war die einzige Truppe, wo man die Texte verstanden hat und wo die Musik nichts weiter zu bieten hatte, deshalb verliere ich mal ein paar Worte dazu. Es sei gesagt, dass ich, um die Jahrtausendwende, selbst mal mit einem guten Freund an einem Hip-Hop-Battle teilgenommen habe. Um etwas Credibility vorzutäuschen haben wir uns die roughen Street-Names „Meister Einbruch“ und „Meister Diebstahl“ gegeben. Wir haben an dem Abend versucht, die Rap-Kultur um eine Nuance zu bereichern, nämlich den „Grunze-Rap“. Leider sind wir schon in erster Instanz kläglich gescheitert, was zum einen am Unverständnis der Anwesenden lag, zum anderen vermutlich auch daran, dass die ganze Nummer totaler Schwachsinn war – und noch dazu miserabel dargeboten. Kurz und klein: Ich bin also kein Hip-Hop-Hater, sondern Konnossör und ehemaliger Mitstreiter, also bitte Folgendes nicht zu ernst nehmen. Andererseits waren die Boys in ihren Texten auch nicht gerade zimperlich (auch den anderen Kombatanten gegenüber), also sollen sie das vertragen können. Man muss auch sagen, dass es technisch sicherlich ganz gut gemacht war und qualitativ meilenweit über irgendwelchen millionenschweren sogeannten Rüpel-Rappern lag.

Es handelte sich wie gesagt um eine 2-köpfige Hopper-Formation. Was sich dargeboten hat, waren zwei schüchterne Kiddies (oder sagt man Kidzzz? Ich weiß es nicht), die noch ziemlich jung gewesen sein müssen. Zumindest schließe ich das daraus, dass sie mehrfach skandierten „Wir sind die High-Cola-Crew“ (naja, so ähnlich wahrscheinlich), was vermuten lässt, dass sie zwar alt genug sind, um Cola zu trinken, von der koffeinhaltigen Zuckerbrause aber dann ziemlich deftig berauscht sind. Wahrscheinlich trinken sie eher stilles Wasser. Das nehme ich zumindest an, weil diese ja bekanntlich tief sind. Und Untiefen haben sich zahlreich in ihren Texten offenbart. Darin kamen mehrfach zwei Wörter vor, die sich mir nicht so ohne weiteres inhaltlich erschlossen. Zum einen – mindestens 3 mal pro Track – das Jugendwort des Jahres 2011: Swag. Untergebracht in jeglicher Satzstellung und Wortart. Interessant, ich dachte, das Jugendwort des Jahres wäre meistens von der Realität ziemlich weit entfernt, aber das hier scheint indeed auch in der echten Welt genutzt zu werden. Obwohl – wenn man genau nachdenkt, hatte das schon in den 90ern Einzig in die Hip-Hop-Kultur gehalten, etwa bei den Fantastischen Vier in einem ihrer großen Hits, wo es heißt: „Ich sag’s dir, sie swag und hat mich mitgenommen“. Also könnte man vermuten, „swag“ ist in etwa auch so zu gebrauchen: „Hilfe, mein Portemonnaie swag“ oder so.
Der andere wiederholt gebrauchte Fachterminus war „bangen“ (bängen). Zum Beispiel wurde behauptet, sie würden alle unsere Mütter bangen. Das klingt erstmal nach schlimmen Beschimpfungen und Ferkeleiandrohungen, aber wie sich dann rausstellte, ist das offenbar doch ne ziemlich harmlose Angelegenheit. Denn: In einem anderen Track wurde behauptet, die beiden Jungs hätten alle anderen Bands des Abends „gebangt“. Umfragen haben ergeben, dass das keiner von den anderen Musikern bemerkt hat. Das einzige, was ich selbst Backstage von den Hoppern mitbekommen habe, war ein leises, aber artiges „Hallo“. Demnach dürfte „bangen“ also lediglich bedeuten, dass man jemanden zurückhaltend grüßt. Und das können sie mit unseren Müttern gerne machen, spricht ja nur für halbwegs gute Erziehung.

Im Anschluss spielte eine 3-köpfige Truppe, denen aber wohl gleich mehrere Gitarristen abgesprungen sind. War aber nicht so tragisch, tierst tight waren sie trotzdem. Den Namen weiß ich garnicht mehr, aber wird wohl sowas wie „Green Blink 41“ gewesen sein. Vom Sound her schlugen sie jedenfalls eindeutig in diese Kerbe.

Danach kam eine Truppe namens GorillaWolfMotherFucker oder sowas. Stonermukke im weitesten Sinne. Es fragt sich, ob diese Mutter auch von den anderen Jungs „gebangt“ wurde.

Die letzten beiden Bands mussten wir leider verpassen, denn dann hörten wir schon Bahnchef Grube rufen, der die Abfahrt des Zuges ankündigte. Auf ins Taxi (dekadent, durchaus, aber, wie heißt es doch so schön: Es war so finster und auch so bitterkalt) und per RE1 die Stadt verlassen. Das waren dann auch schon unsere Abenteuer des Tages. Welche Position wir am Ende beim Wettbewerb bekommen haben, ist in diesem Moment noch nicht klar. Die Poppunkknaben scheinen jedenfalls gewonnen zu haben. Obwohl die Hopper die größere Posse dabei hatten (sagt man heutzutage überhaupt noch noch Posse?).

In diesem Sinne, ein dreifaches „Was geht, Alter“.