11.10.2014 – Club 18 (Vorentscheid Landesrockwettbewerb), Potsdam

Über Ferkeleianbahnung, alte Zeiten und große Überraschungen

Der Landesrockwettbewerb läuft im Rahmen des ehrwürdigen Local-Heroes-Contests, was mir endlich mal wieder die Gelegenheit für autobiografische Abschweifungen in die Frühphase dieses Jahrtausends gibt, denn es war bereits meine dritte Teilnahme an Besagtem. Also auf in den imaginären DeLorean und zurück zum 10. Juni 2000. An dem Tag fand nämlich die Vorrunde der Local Heroes im Landkreis Wernigerode statt. Hier in Potsdam lief das ja diesmal alles ganz friedlich, unbemerkt und gesittet ab, zu meiner Zeit aber herrschten rauere Sitten – Stichwort fliegende Blumentöpfe und massiver Wahlbetrug. Und es waren ein paar Hundert Leute da. Davon ist man heut weit entfernt. Es ist möglich, dass ich an jenem Tag gleich mit zwei Bands teilgenommen habe, kann aber auch sein, dass das einzeln in verschiedenen Jahren war. Egal. Damals reichte es für den zweiten Platz, glaub ich. Und es gab noch Sachpreise in Gutscheinform. Und damals steuerte der Tontechniker das Mischpult noch nicht mit einem iPad. Das hab ich überhaupthier im Club 18  zum ersten Mal gesehen. Naja, so kann er immer ne Runde Solitaire zocken oder schnell kieken, was es bei heftig.co so Neues gibt. In diesem Sinne springen wir zurück in die Zukunft.

Aus der Sicht eines Gitarrenverstärkers: Rückansicht eines Bassisten beim Spielen von "I Am Ahab"
Aus der Sicht eines Gitarrenverstärkers: Rückansicht eines Bassisten beim Spielen von „I Am Ahab“

Wir (im Sinne von Bullgine) sind relativ ambitionslos in die Veranstaltung gegangen, betrachteten das als normalen (wenn auch sehr kurzen) Auftritt. Die Anreise war vom Proberaum aus ein Katzensprung in Gettogefilde, der Club aber überraschte mit Größe und Ausstattung. Die Reihenfolgeauslosung war schon vorbei, wir hatten einen glücklichen 3. Startplatz. Und das war die Konkurrenz:

Zuerst spielte so ne Art multiinstrumentalischer Musikschul-Buddy-Holly mit Schlagzeugbegleitung. Man braucht sicherlich eine Portion Mut, sich zu zweit auf die Bühne zu stellen, wie es einst schon die Abstürzenden Brieftauben taten. Textlich hat er gelegentlich etwas tief in die Wühlkiste mit zeitgemäßen Deutschpoeten-Phrasen gegriffen – zumindest war das mein persönlicher Eindruck. Aber abgesehen davon, dass der Erfolg ihm Recht gibt, kann da natürlich der nicht unberechtigte Einwand kommen: „How up do high knee! Mach’s selber erstmal besser.“

Im Anschluss spielte eine recht niedliche gymnasiale Hardcorekapelle. Das hat mich gefreut, denn ich hab nicht damit gerechnet, dass die Jugend heut noch klassischen Hardcore spielt. Als ich in dem Alter war, hab ich das auch gemacht, mit meiner Dorfjacken-HC-Truppe Suffrage – einer der Bands bei Local Heroes übrinx. Damals war es in dieser Musiksparte wichtig, was von Revolution zu singen und dass man die Society zu fucken gedenkt und so. Die Jungs an diesem Abend haben das evtl. auch gemacht, aber man hat’s wenn dann nicht verstanden. Das einzige was textlich ankam waren niedere menschliche Instinkte. Sie haben nämlich den 1999er Ferkeleianbahnungshit „Boom Boom Boom Boom“ von den Vengaboys gespielt („Boom Boom Boom Boom, I want you in my room, let’s spend a night together und irgendein Reim auf ever“). Vielleicht deshalb weil sie in dem Jahr geboren wurden, ich weiß es nicht, für sie müsste das ja eigentlich ein Oldie sein. Damals, auch so 2000 rum, hat das schonmal eine mir gut bekannte Band namens Subito gecovert. Einer davon war auch diesmal im Saale, muss mal fragen, ob er auch an damals gedacht hat.

Als nächstes waren wir dran und prompt entwickelte sich die gute alte Halbkreis-Magie. Man hatte nicht den Eindruck, große Verzückung hervorzurufen. Aber weit gefehlt, wie sich noch zeigt.

Bullgine'sche Halbkreismagie
Bullgine’sche Halbkreismagie

Nach uns spielte eine stadtfestartig anmutende Band, die, wie auch wir, den vorgeschriebenen Altersdurchschnitt etwas überschritten hatte. Eine bunte Truppe, die unsereins im Publikum zu einem heiteren Beruferaten veranlasste. Alle Tipps lagen meilenweit daneben, wie sich postinvestigativ rausstellte. Wie sagt schon ein alter Blues-Klassiker. „You can’t judge a book by looking at the cover“.

Den Abschluss machte eine dieser handelsüblichen Metalbands, von denen es laut offiziellen Zahlen des statistischen Bundesamtes allein in Potsdam mehrere Dutzend gibt. Eins macht Metalbands besonders: Die sind zeitlos, haben sich seit den 80ern in keinem Gesichtspunkt geändert. Zwei von denen hier sahen aber aus wie Promidoubles – der eine Klampfer wie Jorge Gonzales (ohne Stöckelschuhe) und der Trommler wie Angelo Kelly in der Nachstimmbruchphase.

Die geplante sechste Band ist kurzerhand einfach nicht aufgetaucht, die Abstimmungsphase war nun also beendet. Zur Auszählungsüberbrückung spielte der liedermachende Vorjahressieger, dessen Nachname zufällig viele Berliner Eckkneipen ziert. Der Saal gähnte vor Leere, weil sich die anwesenden Leute vor Spannung fast in die Hose machten und deshalb am Lokus schlangestanden oder so, wer weiß. Schade für die Musikdarbietung.

Der Rest passierte kurz und schmerzlos und hat vor allem uns gewaltig überrascht. Zitat des Ergebnisansagers: „[Genuschelte Ankündigung der ersten Siegerband Call me Later (siehe Startplatz 4), ohne die Stimmreihenfolge bekanntzugeben, etc. pp. Spannend wird’s jetzt:] und als zweites fahren Bulljiehn zum Finale“. Fassungslose Gesichter. Also bei uns. Und damit nicht nur Altrocker ins Finale kommen (ich glaub, er hat das wirklich ungefähr so gesagt mit den Altrockern) hamse die erste Band auch gleich noch weiterziehen lassen.

Tja, was soll man sagen – vom Aschenputtel zur Prinzessin. From Zero to Hero. Von der Straßenkante in den Rockolymp. Ohne Ambition und ohne so großes Gefolge wie die anderen Bands gestartet und schließlich triumphiert. Das spricht ja dafür, dass die Leute von unserer Musik überzeugt wurden und das ist doch das schönste was passieren kann. Also soll das das Schlusswort sein. Amen. Wir sehen uns zum Finale in der Rockmetropole Bad Belzig. Und diesmal hoffentlich ohne Helene-Fischer-Double.